Eine Spielerfrau und Mutter über ihr Leben in Deutschland – Interview mit Rebecca Thomas

Eine Spielerfrau und Mutter über ihr Leben in Deutschland – Interview mit Rebecca Thomas

Was für eine Zeit! Der Alltag hat sich bei den meisten um 180 Grad gedreht. Geschlossene Geschäfte, Schulen und Kitas und auch unsere Basketball-Saison pausiert bis auf Weiteres. Um mal einen ganz neuen Wind auf diese Plattform zu bringen, haben wir uns – natürlich nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern in Corona-Zeiten nur per Handy – mit Rebecca Thomas unterhalten. Die Frau unserer Nummer 33 ist nun ebenfalls seit knapp zwei Jahren mit den beiden Mädels in Gießen. Wie wohl sie sich mittlerweile in unserem kleinen Städtchen fühlen und wie sie auf ihre Weise das Beste aus der aktuellen Situation machen, hat sie uns in einem längeren Interview verraten:

Der Spielbetrieb in der easyCredit Basketball Bundesliga wurde bis auf Weiteres ausgesetzt. Die Mannschaft musste zuletzt ein paar bittere Niederlagen einstecken. Wie habt ihr die diesjährige Saison bis dahin insgesamt erlebt? Seid ihr bei jedem Spiel dabei gewesen?

„Ich denke, wir sind uns alle einig, dass unsere Hoffnungen und Ambitionen für diese Saison nicht erfüllt wurden. Als Ehefrau und beste Freundin eines Spielers ist es besonders schwierig, weil ich dadurch gleichzeitig Zeuge von seiner Hingabe, seiner harten Arbeit und auch Opfern war. Wenn man weiß, wie viel Arbeit Brandon investiert, – selbst im Sommer – ist es schwer, ihn nach all dem so enttäuscht zu sehen. Niemand will mehr gewinnen als Brandon und seine Mannschaftskameraden und ich wünschte, die Fans und die Stadt könnten das spüren. Es war für alle sehr hart. 

Aber ja, die Kinder und ich sind bei jedem einzelnen Heimspiel mit dabei, es sei denn, es ist unter der Woche oder jemand ist krank! Ich hatte wirklich das Glück, in dieser Basketballgemeinschaft Freunde zu finden, von denen ich weiß, dass sie ein Leben lang halten werden. In der letzten Saison hatten wir eine so unglaubliche Gruppe von Familien. Es waren so viele Kinder! Die haben in Wirklichkeit hauptsächlich miteinander gespielt, statt das Spiel zu sehen. Meine Kinder lieben es, zu essen, deshalb findet man sie am Buffet (lacht) – und ich fiebere immer mit, halte den Atem an und drücke die Daumen, wenn Brandon wirft. Im Laufe von Brandons Karriere war ich auch schon bei vielen Auswärtsspielen, aber mit zwei Kindern ist das jetzt schwieriger. Mit Gießen waren wir aber schon in Würzburg, Frankfurt, Bamberg und München. Wir genießen natürlich auch unsere Mädels-Zeit, während die Jungs weg sind (lacht).“

Fühlt ihr euch als Familie generell wohl in Gießen und wie sieht euer Alltag hier aus?

„Was für eine coole Gelegenheit, ein kleines Fenster zu öffnen, um zu zeigen, wie tägliches Leben aussieht! Ich möchte im Namen unserer gesamten Familie sagen, dass wir so dankbar für Land und Leute hier in Gießen sind. Es ist wirklich unsere zweite Heimat geworden. Ich möchte an der Stelle etwas weiter ausholen, um unsere Geschichte zu verstehen (lacht). 

Ich war 19 Jahre alt, im College in Florida, als ich Brandon kennenlernte. Ich muss zugeben, dass ich mich sofort in ihn verliebt habe, aber ich hätte nie gedacht, dass sich unser Leben zu einem solchen Abenteuer entwickeln würde. Brandon und ich begannen unser gemeinsames Leben im Ausland in Dänemark. Wir waren jung und noch ohne Kinder, aber acht Länder und 13 Spielzeiten später hat sich so viel verändert! Ich hatte mir einmal ein kreatives Geschäftsleben vorgestellt – mit Kindern zu Hause zu bleiben, war eigentlich nie ein Traum von mir. Spult man von dem Moment, als ich Brandon zum ersten Mal traf, 15 Jahre vor, findet man mich hier: in Gießen als “stay-at-home mom” (wie wir es in Amerika nennen). Aber wisst ihr was? Ich bin so glücklich, dass ich die Zeit habe, unseren Töchtern ein so unglaubliches Leben zu ermöglichen. Die Rolle, von der ich nie erwartet hätte, dass ich sie will, ist jetzt die, die mich am meisten erfüllt. Eltern zu sein ist etwas, das ich nicht auf die leichte Schulter nehme. Mein wichtigstes Ziel für unsere Töchter ist es, dass sie sich nicht nur unglaublich geliebt und selbstbewusst fühlen, sondern auch ihre Pflichten als Weltbürgerinnen und Weltbürger anerkennen. Freundlichkeit und Respekt sind ein Muss in unserer Familie. Ich sage ihnen immer: „Ihr solltet Räume und Orte besser verlassen, als ihr sie vorgefunden habt!“

Als Familie essen wir gerne leckeres Essen, spielen Spiele, sind kreativ, arbeiten an Puzzles, sind albern und lachen, gehen spazieren oder probieren neue Dinge aus. Hauptsache zusammen. Wir sind immer für ein Abenteuer bereit und versuchen wirklich, das Beste aus jedem Ort, an dem wir sind, zu machen. Wir haben uns sehr gut an das Leben in Deutschland gewöhnt. Wir lieben es hier und wünschen uns oft, dass die USA in die fortschrittlichen Fußstapfen Deutschlands treten wird. Wir sind inspiriert von Deutschlands kollektivem Ansatz, umweltbewusst zu werden. Wir sortieren unseren gesamten Müll und unsere Kinder kümmern sich um das Haushaltsrecycling. Wir versuchen, ein Leben zu führen, das die Ressourcen nicht belastet. Wir fühlen uns im deutschen Gesundheitssystem sicher und wohl. Unsere Kinder genießen das deutsche Bildungssystem und wir lieben es hier in Gießen! Wir haben tolle Schulen gefunden, eine Wohnung, umgeben von wunderbaren Nachbarn. Wir haben oft darüber gesprochen, ob wir hier dauerhaft leben wollen.“

Brandon und die Kids lernen gerade fleißig deutsch. Wie sieht es bei dir aus – Nimmst du auch Unterricht?

„Unsere Neunjährige hat die Sprache sehr schnell gelernt! Und unsere Kleine war auch schnell mit dabei. Beide lernen fließend Deutsch zu sprechen. Brandon geht an das Deutschlernen mit derselben Selbstdisziplin heran, die er auch beim Basketball an den Tag legt. Ich nehme auch Deutschunterricht, und es hilft mir, meine Sätze zu strukturieren. Ich habe einen guten Wortschatz bisher, aber es fällt mir noch schwer, das alles zusammenzufügen.“

An dieser Frage kommen wir natürlich nicht vorbei: Wie geht ihr in eurem Alltag jetzt mit der Corona-Situation um? 

„Wir sind nicht der Typ, der schnell in Panik gerät. Wir bilden uns durch verlässliche Quellen und Veröffentlichungen weiter und treffen Entscheidungen auf der Grundlage von Fakten und nicht auf der Grundlage von Angst. Abgesehen davon respektieren und befolgen wir derzeit alle Ratschläge, uns von sozialen Kontakten zu distanzieren. Wir schrecken auch nicht davor zurück, die Kinder darüber zu informieren, was vor sich geht und warum es wichtig ist, dass wir jetzt die gesamte Gemeinschaft schützen. Zum Glück weiß ich, wie ich meine Kinder unterhalte. Ich habe eine nicht-enden-wollende Liste von Dingen, die wir gemeinsam tun können. Und wenn die Kinder mich doch mal in den Wahnsinn treiben… dafür ist das leckere deutsche Bier da (lacht). Aber unser Alltag sieht aktuell so aus: Die Kinder frühstücken und fangen dann um 8:30 Uhr mit den Hausaufgaben an. Sie treiben Sport oder sind kreativ. Der Tag ist also eigentlich noch strukturiert und produktiv und all unsere Mahlzeiten nehmen wir gemeinsam zu Hause ein. Es ist eine Zeit des Nachdenkens und wir machen das Beste daraus – gemeinsam.“

Was bekommt ihr von Freunden und Bekannten aus anderen Ländern mit?

„Ich habe Freunde auf der ganzen Welt und die Reaktionen sind unterschiedlich. Ich habe einige Freunde, die frustriert sind, weil ihre kleinen Unternehmen leiden. Ich habe Freunde, die Angst haben und einen zweiten Kühlschrank für ihre gesamte Lebensmittelversorgung kaufen. Ich habe Freunde, die geduldig sind, die Ratschläge befolgen und das Ganze wie aufgefordert durchziehen. Und ich habe Freunde, die das alles für verrückt halten und immer noch versuchen, ein normales Leben zu führen. Aber in einer Sache sind wir uns alle einig: Dies ist eine Situation, die so noch nie da gewesen ist. Ich glaube, dass es die globale Gemeinschaft für immer verändern wird. Wir erleben gerade Geschichte hautnah. Dieser Virus nutzt unsere Verwundbarkeit und unsere Gier aus, zeigt aber auch, wie schön es ist, wenn sich alle gemeinsam vereinen und an einem Strang ziehen.“

Bevor die verschärften Maßnahmen kamen und soziale Kontakte gemieden werden sollten, hast du für das Team einen Brunch gezaubert ! Das konnten wir auf Instagram sehen. Es war beeindruckend. Wie kam es dazu?

„Es gab keinen besonderen Grund für den Brunch, aber jetzt hat es sich doch leider als Abschied herausgestellt, wenn man bedenkt, was sich seitdem entwickelt hat. Brandon liebt seine Rolle als Veteran und Mentor wirklich sehr. Als er vom Training nach Hause kam und mir erzählt hat, dass er das Team zu einem Brunch eingeladen hatte, war ich ganz Ohr, um es für sie zu etwas Besonderem zu machen. Außerdem hat Brandon versprochen, zu helfen! Er hat die Eier gemacht (lacht). Leider hatten nicht alle Zeit, aber die meisten waren da. Wir haben ganz viel leckeres Essen gegessen – einige konnten hier zum ersten Mal French Toast probieren. Und dann haben wir noch ein paar Kartenspiele gespielt. Es hat wirklich viel Spaß gemacht!“

Vielen Dank, liebe Rebecca, und alles Gute für Euch!

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